Noch keinen Zugang? Dann testen Sie unser Angebot jetzt 3 Monate kostenfrei. Einfach anmelden und los geht‘s!
Angemeldet bleiben
Ausgewählte Ausgabe: 09-2017 Ansicht: Modernes Layout
| Artikelseite 1 von 2

Konditioniert und angepasst

Arbeitsblatt W 556 des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW) stuft sogenannte Legionellenschaltungen als nicht zielführend ein. Eine regelmäßige thermische Trinkwasserbehandlung entspricht demnach nicht mehr den allgemein anerkannten Regeln der Technik. Anlagendesinfektionen durch starke Erhitzung werden über das Arbeitsblatt DVGW W 557 ebenfalls ausdrücklich reglementiert. Vorliegende Studien bestätigen die kritische Einschätzung und geforderte Begrenzung thermischer Behandlungen.


Im Bereich der Trinkwasserhygiene legt die Trinkwasserverordnung (TrinkwV) ein besonderes Augenmerk auf die Legionellenproblematik. Ihre Bestimmungen sollen sicherstellen, dass Trinkwasser weder gesundheitsschädliche mikrobiologische Krankheitserreger noch gesundheitsschädliche chemische Stoffe enthält.
Betreiber von Trinkwasserinstallationen müssen sich an die strengen Vorgaben der TrinkwV, basierend auf dem „Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen″ (IfSG)“ und der EG-Trinkwasserrichtlinie halten.
Das Problem selbst liegt allerdings selten auf der Versorgerseite. Risiken für die Einhaltung der Trinkwasserhygiene entstehen gewöhnlich erst ab Hausanschluss. Insbesondere bei Trinkwasserinstallationen von öffentlich oder gewerblich genutzten Objekten können kritische Temperaturabweichungen und Stagnation von Trinkwasser im Leitungssystem und in den Speichereinrichtungen schnell zu bakteriellem Wachstum und einer Kontamination, etwa durch Legionellen oder Pseudomonaden, führen.
Zur Sicherung der geforderten Trinkwasserqualität oder bei bestehender mikrobieller Verunreinigung gelten (regelmäßige) thermische Behandlungen in der Sanitärpraxis weit verbreitet noch als obligatorische Behandlungs- und Präventivmethoden. Dies entspricht allerdings weder den Vorgaben der Regelwerke noch den allgemein anerkannten Regeln der Technik.

Toleranzentwicklung bis zur Resistenz

HA254-Bildartikel-1

Bild 1
Die teilweise extremen Inkrustationen innerhalb der Rohrleitungen wirken für vorhandene Keime wie ein Schutzmantel. Maßstab der Temperaturmessung muss daher die Materialtemperatur an der Rohr-Außenwand sein

Zahlreiche Studien aus der mikrobiologischen Forschung belegen einen Zusammenhang von Hitzeeinwirkung und einer Veränderung des Legionellenwachstums. U. a. erbrachte die Universität Tübingen den Nachweis, dass vorbeugende, periodisch durchgeführte thermische Desinfektionsmaßnahmen (Legionellenschaltungen), anders als bislang angenommen, nicht zur Dekontamination führen, sondern vielmehr einen kritischen Anstieg von Legionellen in Trinkwasserinstallationen zur Folge haben können.
Ursache hierfür ist die hohe Anpassungskompetenz des Legionellen-Bakteriums. Ihre im Laufe der erdgeschichtlichen Entwicklung ausgebildeten Überlebensstrategien ermöglichen es den Mikroorganismen, sich an unterschiedliche, komplexe und lebensfeindliche Umgebungssituationen immer effektiver anzupassen (Bild 1). Entsprechend führt jeder wiederkehrende thermische Kontakt beim Aufheizen von Installation und Trinkwasser über kurz oder lang zu einer steigenden Toleranz der Legionellen gegenüber erhöhten Wassertemperaturen. Nachweislich können die Bakterien unter bestimmten Umständen bereits eine Temperatur von über 80 °C tolerieren (Bild 2).
Bild 2 Für die nachweisbare Wirksamkeit einer Thermischen Desinfektion ist der korrekte Ablauf der Maßnahme entscheidend. Sämtliche Parameter (Temperatur/Zeit) sollten genauesten protokolliert werden

Bild 2
Für die nachweisbare Wirksamkeit einer Thermischen Desinfektion ist der korrekte Ablauf der Maßnahme entscheidend. Sämtliche Parameter (Temperatur/Zeit) sollten genauesten protokolliert werden


Auch die thermische Anlagendesinfektion nach Arbeitsblatt DVGW W 557 (jede Zapfstelle wird für länger als 3 Minuten mit über 70 °C heißem Wasser beaufschlagt) könnte damit nicht nur in einem erfolglosen Dekontaminierungsversuch enden (Bild 3), sondern vielmehr zum Wachstum und zur weiteren Konditionierung der Bakterien beitragen.
Bild 3 Die Protokollierung ermöglicht die gründliche Auswertung und Einschätzung des Erfolges respektive Scheiterns der Thermischen Desinfektion. Daraus lassen sich Optimierungsmöglichkeiten ableiten

Bild 3
Die Protokollierung ermöglicht die gründliche Auswertung und Einschätzung des Erfolges respektive Scheiterns der Thermischen Desinfektion. Daraus lassen sich Optimierungsmöglichkeiten ableiten

Seite des Artikels
Autoren

 Reinhard Bartz

Leiter Technikum und Schulung, Franke Aquarotter GmbH, Ludwigsfelde

Hintergrundinformation

Legionella pneumophila, der bedeutsamste Krankheitserreger unter den Legionellen, ist seit 1976 bekannt. Trotz intensiver Studien ist das Auftreten von Legionellen-Pneumonien (der sogenannten Legionärskrankheit) bis heute nicht vollständig zu verhindern. Obwohl meldepflichtig, kann die tatsächliche Vorkommenshäufigkeit der Krankheit nicht exakt bestimmt werden. Laut Umweltbundesamt liegen die in Deutschland nach Infektionsschutzgesetz gemeldeten, labordiagnostisch gesicherten und ambulant erworbenen Legionellen-Pneumonien bei ca. 800 bis 1 000 pro Jahr. Da sich die Erkrankung nur durch eine spezifische Erregerdiagnostik sicher feststellen lässt, ist von einer erheblich höheren Dunkelziffer auszugehen. Hochgerechnet aus den belegten Fällen, geht das Kompetenznetzwerk für ambulant erworbene Pneumonien (CAP-Netz) von 15 000 bis 30 000 Erkrankungen in Deutschland pro Jahr aus.

Verwandte Artikel

Trinkwasserhygiene im Fokus

Bakterien im Trinkwasser eines Krankenhausneubaus

Sicher versorgt mit Warmwasser

Umrüst-Lösungen für Urinale

Wirtschaftliche Hygienetechnik in der Praxis