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Ausgewählte Ausgabe: 11-2017 Ansicht: Modernes Layout
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Wärmeabgabe von Rohren in Bauteilen

Unerfasste Wärmeabgabe von Rohren ist seit über 20 Jahren ein Problem bei der Heizkostenabrechnung, da es zu Kostenverschiebungen bei der Abrechnung kommt. Schon länger sind in einer anerkannten Regel der Technik Verfahren beschrieben [2, 3], wie die Rohrwärmeabgabe berücksichtig werden kann [10]. Nach einem aktuellen Urteil des Bundesgerichtshofes ist das Verfahren nach VDI 2077 nun nicht mehr analog anwendbar auf überwiegend ungedämmte, aber nicht freiliegende Leitungen der Wärmeverteilung [4].


Häufig werden Heizkostenverteiler zur Erfassung der Wärmelieferung an Heizflächen eingesetzt. „Innerhalb einer Nutzeinheit (z.B. einer Wohnung) verlegte Heizungsleitungen geben Wärme in die Nutzeinheit hinein ab und tragen damit zur Raumbeheizung bei. Die von Leitungen abgegebene Wärme wird jedoch von den Heizkostenverteilern nicht erfasst. Sie ist dann vernachlässigbar, wenn deutlich mehr Wärme über die Heizflächen abgegeben wird als über die Rohrleitungen. Wird jedoch in die Wohnung ein wesentlicher Anteil an Wärme über die Rohrleitungen unerfasst übertragen, kann dies zu wesentlichen Kostenverschiebungen innerhalb der Heizkostenabrechnung führen.“ [3]
Mit der Richtlinie VDI 2077 – Beiblatt [2] (Nachfolger VDI 2077 Blatt 3.5 [3]) liegt eine anerkannte Regel der Technik vor, die Verfahren beschreibt, wie die Rohrwärmeabgabe bei der Heizkostenabrechnung berücksichtigt werden kann. Darauf verweist inzwischen auch die Heizkostenverordnung; in §7(1) heißt es: „In Gebäuden, in denen die freiliegenden Leitungen der Wärmeverteilung überwiegend ungedämmt sind und deswegen ein wesentlicher Anteil des Wärmeverbrauchs nicht erfasst wird, kann der Wärmeverbrauch der Nutzer nach anerkannten Regeln der Technik bestimmt werden.“ [1] Bedauerlicherweise hat der Verordnungsgeber übersehen, dass es für das geschilderte Problem völlig unerheblich ist, ob diese zusätzliche Wärme von freiliegenden Leitungen oder von Leitungen im Estrich oder im Putz stammt. Daher haben einige Gerichte die Anwendung des Korrektur-Verfahrens nach VDI 2077 analog auch für nicht freiliegende Rohre zugelassen [5]. Nach einem BGH Urteil vom 15. März 2017 ist dies inzwischen nicht mehr möglich. Rechtsanwalt Pfeiffer führt dazu aus: „Dieses Urteil überzeugt weder im Ergebnis noch in der Begründung. Vor allem sind unzumutbare Kostenverschiebungen infolge ungedämmter Rohre im Estrich/unter Putz künftig kaum noch korrigierbar.“ [5]
In ihrer Bachelorarbeit hat Kelly [6] die Wärmeabgabe von Rohren in Bauteilen simuliert und den Einfluss auf die Heizkostenabrechnung aufgezeigt. In diesem Beitrag sind die Ergebnisse zusammengefasst.

Kostenverschiebung

Die oben beschriebene Kostenverschiebung ist dadurch gekennzeichnet, dass Nutzer, die innerhalb der Abrechnungseinheit einen überdurchschnittlichen Verbrauch verzeichnen, mit einem Verbrauchskostenanteil belastet werden, der höher ist als das Kostenäquivalent der erfassten Heizwärme, die sie in Anspruch genommen haben. Nutzern mit einem unterdurchschnittlichen Verbrauch wird dann ein zu geringer Kostenanteil zugeordnet.
Durch zu hoch eingestellte Vorlauftemperaturen kann dieser Effekt zusätzlich verstärkt zu Tage treten. Denn die hohen Temperaturen im Heiznetz führen typischerweise vor allem in der Übergangszeit (Frühjahr, Herbst) zu Überheizungszuständen. Die Folge ist, dass die überschüssige Wärme über die Fenster abgelüftet wird, was einem unnötigen Mehrverbrauch an Heizwärme nach sich zieht.
Diese über die Anlage (Heizkörper und Rohre im Estrich) zugeführte Wärme ist kostenbehaftet im Kessel erzeugt worden und muss in der Abrechnung verteilt werden.
In einem einfachen Modell mit drei Wohnungen wird beispielhaft aufgezeigt, welche Auswirkungen Rohrwärme und innere Wärmeströme auf die Wärmeabgabe von Heizflächen und somit auf die Verteilgenauigkeit haben.
Die Wärmebilanz einer Wohnung setzt sich aus folgenden Größen zusammen:

- Wärmeverluste durch Lüftung.
- Wärmeverluste über die Außenflächen (Wände, Fenster, Decken).
- Wärmestrom über Innenflächen zu Nachbarwohnungen. Die Temperaturdifferenz zur Nachbarwohnung entscheidet darüber, ob es sich um Gewinne oder Verluste handelt (Q-innen).
- Wärmezufuhr (nicht erfasst) durch Rohre (Q-Rohr).
- Wärmezufuhr (erfasst) durch Heizkörper (Q-HK).

Nutzer 1 hat eine Raumtemperatur von 20 °C, Nutzer 2 von 23 °C und Nutzer 3 von 18 °C. Nutzer 2 liegt in der Mitte zwischen Nutzer 1 und 3 und versorgt somit beide über die Innenflächen mit Wärme. Zudem wird den Räumen Rohrwärme durch Verteilleitungen zugeführt.

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Autoren

Prof. Dr.-Ing. Markus Tritschler

Professor an der Hochschule Esslingen, Fakultät Gebäude Energie Umwelt, Lehrgebiete  Heizungstechnik, Monitoring, Facility Management, Energiemanagement, TRNSYS, Mitarbeit in mehreren VDI-Richtlinien- ausschüssen

B. Eng. Alicia Kelly

Ingenieurin für Energie- und Gebäudetechnik, Masterstudium an der Hochschule Esslingen mit dem Schwerpunkt Energiesysteme und Energiemanagement.

Prof. Dr.-Ing. Werner Braun

Professor an der Hochschule Esslingen, Fakultät Gebäude Energie Umwelt.

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